Was kommt nach der Corona-Pandemie? | What happens after the Corona-pandemic?

(see the English translation below)


COVID-19: Winzige Viren erobern uns ruckzuck, mit globaler Reichweite. Tödliche Attacken in allen Erdteilen! Mikroben dezimieren die Menschheit. Diese Seuche ist mehr als nur eine Bedrohung für aufgeklärte Zeitgenossen im menschlich-gestalteten Zeitalter Anthropozän. Wir sind verängstigt, dass kleine unsichtbare Mikroben nicht nur unsere Lungen zerstören.

Photo by Edwin Hooper on Unsplash

Nach Sigmund Freud erlitten die Menschen drei narzisstische Kränkungen: Die Erde ist nicht das Zentrum im Kosmos (Kopernikanische Wende), zweitens sind wir nicht göttlich erschaffen, sondern stammen vom Affen ab. Drittens sind wir nicht Herr im Haus unser Psyche, das Unbewusste kontrolliert uns. -– Kann nicht die Macht der Viren zur vierten Kränkung werden? Selbst der mächtige US-Präsident Donald Trump wurde erstmals klamm und kleinmütig.


"Die heimlichen Hauptakteure auf dem Planeten sind Mikroben. Sie umgeben uns, sie bewohnen uns. Der Mensch ist quasi eine Galaxie von Bakterien", so Eduard Kaeser. "Wir täten gut daran, Krankheit vermehrt als ökologisches Problem zu begreifen.“ Anschaulich schildert der Philosoph und Physiker: „Wenn ich jemandem die Hand schüttle, setzt sogleich in beiden Richtungen ein Mikrobenfluss ein, und ich weiss nicht, ob die Viecher meine Freunde oder Feinde sind. Ich bin ihnen jedenfalls egal.“ (NZZ 3.03.2020).

https://www.nzz.ch/meinung/der-mensch-ist-der-mikrobe-egal-wir-taeten-gut-daran-krankheit-vermehrt-als-oekologisches-problem-zu-begreifen-ld.1543053


CORONA: Was DANACH ? Fünf kontroverse Positionen

In den politischen und philosophischen Debatten (jenseits dem Politker-Superlativ-Gerede: Grösste Herausforderung seit dem Mauerfall, seit dem 2. Weltkrieg) fragen vernünftige Auguren: Wie wird sich die Welt nach der Pandemie verändert haben. Werden wir „Danach“ bessere Menschen sein? Neugeboren wie der Phönix aus der Asche steigen, geläutert mit Digitalem oder neuer Bescheidenheit, oder gar nicht oder ganz anders. Fünf mögliche Positionen unterschiedlicher Autoren werden zu einer Collage gefügt.

1. Peter Weibel, Doyen der Medien-Kunst und Medien-Theoretiker (ZKM Karlsruhe).

Für Peter Weibel ist die Pandemie der Beschleuniger zur Digitalisierung der Wissenschaft und Gesellschaft. Peter Weibel: "Nun können endlich die digitalen Technologien der Ferngesellschaft auftreten, die wir seit Jahrzehnten benutzen, um die Reste der Nahgesellschaft zu retten: Man sieht sich noch, man hört sich noch, man liest sich noch, zumindest per Internet, per Skype, per E-Mail, per Mobiltelefon etc.“ Das Intro verkündet: „Die geschlossene Gesellschaft, zu der wir verdammt sind, öffnet unsere Köpfe. Sie lässt uns begreifen: Unsere Systeme sind fragiler, als wir jemals dachten. Gerade entsteht die erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte. Die Massenmobilität kommt an ihr Ende. Der Globalisierung geht die Luft aus. Und: Die Telegesellschaft wird Wirklichkeit.

Peter Weibel, "Virus – Viralität – Virtualität: Wie gerade die erste Ferngesellschaft der Mensch-heitsgeschichte entsteht" (zuerst in der NZZ):

https://zkm.de/de/virus-viralitaet-virtualitaet


2. Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher Publizist und Visionär.

Der berufserfahrene Zukunfts-Optimist erkennt in der Pandemie die Möglichkeit, dass die Welt eine bessere wird. "Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch?

https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona


3. Bazon Brock – Ästhetik und Kulturvermittlung, Bergische Universität Wuppertal.

Brock hält nüchtern gegen, Peter Weibel und Matthias Horx. Optimisten sind Vereinfacher & Alles wird so bleiben wie es war. "Es wird sich gar nichts ändern. Aber: Enttäuschung meint immerhin Aufklärung. Wirklich ist nur das, worauf wir keinen Einfluss haben".

Die Welt 30.03.20 - „Die Euphorie der Visionäre ist groß: „Nach Corona wird die Welt nie mehr sein, was sie bisher für uns war!“ Welch ein Irrtum, aber offenbar ein naheliegender. Die digital berauschten In-die-Zukunft-Seher, angeführt von Peter Weibel in der NZZ, meinen, dass „eine Lehre des Virus darin besteht, uns mit Gewalt und Macht in das digitale Zeitalter zu schieben.“

https://bazonbrock.de/werke/detail/?id=3831&sectid=3499#sect


4. John Schellnhuber, Gründer und Direktor Potsdam Institut für Klimafolgen-Forschung

Der Physiker und Mathematiker favorisiert eine Doppelstrategie, da die Corona-Krise „auch Lehren für den globalen Klimaschutz“ bereithält: Nach der Corona-Pandemie ist vor dem Klima-Kollaps durch Erderwärmung. Diese beschleunigt die Entwicklung, wodurch die „Existenzgrundlage von Milliarden Menschen zusammenbrechen dürfte“, so John Schellnhuber drastisch. Er sieht aber „die Chance, die Moderne neu und sogar besser zu gestalten.“ Einschränkend mahnt der Klimaforscher: „im Anthropozän ist die Menschheit zu mächtig geworden – gegenüber sich selbst und gegenüber der Schöpfung.“

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/seuche-im-anthropozaen-die-lehren-der-corona-krise-16726494.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2


5. Martin Tauss, Furche-Redakteur: „Corona: Schlägt die Natur zurück?“, 02.04.2020

Zurück zum möglichen Ursprung der Corona-Epidemie auf dem Tiermarkt in Wuhan: „Forscher sehen in der Coronakrise einen ’Warnschuss’. Denn das Risiko für Epidemien ist davon abhängig, wie Menschen mit Tieren und Ökosystemen umgehen“, so der Redakteur der österreichischen Wochenzeitung. Er erkennt die Gefahr von Zoonosen: „Mehr als 70 Prozent aller Infektions-Krankheiten stammen von Erregern, die von Tieren auf den Menschen übertragen wurden. Diese Zoonosen haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich zugenommen“.


Im Turbo-Kapitalismus behandeln wir Natur ökonomisch-profitabel, statt ökologisch-sorgsam: Der Mensch zerstört vermessen sein Ökosystem. „Gut möglich, dass im Zuge der Corona-Krise eine junge Wissenschaft massiven Auftrieb bekommen wird: „One Health“ untersucht, wie die menschliche Gesundheit mit der Gesundheit von ganzen Ökosystemen zusammenhängt. „Die Trennung von Gesundheit und Umweltpolitik ist eine gefährliche Illusion“, zitiert Martin Taus den US-Gesundheitsforscher Aaron Bernstein: „Unsere Gesundheit hängt vom Klima und den anderen Organismen ab, mit denen wir diesen Planeten teilen.“ (Guardian).

https://www.furche.at/wissen/corona-schlaegt-die-natur-zurueck-2589755


Beenden wir mit zwei Zitaten als schwarze Balken diese bunte Collage:


Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt bilanziert:

Die Welt ist eine Tankstelle, an der das Rauchen nicht verboten ist.

Der evangelische Theologe Helmut Thielicke konstatiert:

„Der Mensch ist dessen nicht mächtig, worüber er verfügt.“

(English verions:)


What happens after the corona pandemic?


COVID-19: A tiny virus conquers us in no time, with a global reach. Deadly attacks all over the world! Microbes decimate humanity. This plague is more than just a threat to enlightened contemporaries in the human-shaped age of the Anthropocene. We are scared that small invisible microbes won't just destroy our lungs.

Photo: Frank Suffert According to Sigmund Freud, people suffered three narcissistic insults: Earth is not the center in the cosmos (Copernican turn). Secondly, we are not created divinely but descend from monkies. Third, we are not masters of our psyche, but the unconscious controls us. -– Can the power of viruses become the fourth insult? Even the mighty US President Donald Trump became quiet and slight for the first time.

"The secret main actors on the planet are microbes. They surround us, they inhabit us. Humans are practically a galaxy of bacteria," said Eduard Kaeser. "We would do well to understand illness as an ecological problem."

The philosopher and physicist describes it vividly: "If I shake someone's hand, a microbial flow sets in, in both directions, and I don't know whether the critters are my friends or my enemies. I probably don't care. ”(NZZ 3.03.2020). https://www.nzz.ch/meinung/der-mensch-ist-der-mikrobe-egal-wir-taeten-gut-daran-zheimheit-vermehr-als-oekologisches-problem-zu-begiffen-ld.1543053

CORONA: What next? Five controversial positions

In the political and philosophical debates -- beyond the political superlative talk: biggest challenge since the fall of the Wall, since the Second World War -- reasonable augurs ask: How will the world have changed after the pandemic? Will we be better humans "afterward"? Will we like rise from the ashes like the phoenix, refined with digital or new modesty, or not at all or completely different? Five possible positions from different authors add to a collage.

1. Peter Weibel, doyen of media art and media theorist (ZKM Karlsruhe)

The experienced future optimist sees in the pandemic the possibility that the world will be a better one. "This shifted the relationship between technology and culture. Before the crisis, technology seemed to be the panacea, the bearer of all utopias. No one - or only a few hard-boiled people - still believe in the great digital salvation today. We are again turning our attention to the humane questions: What is man? Peter Weibel, "Virus - Virality - Virtuality: How the first long-distance society in human history is emerging" (first in the NZZ): https://zkm.de/de/virus-viralitaet-virtualitaet


2. Matthias Horx, trend explorer and futurologist, publicist, and visionary.

The experienced future optimist sees in the pandemic the possibility that the world will be a better one. "This has shifted the relationship between technology and culture. Before the crisis, technology seemed to be the panacea, the bearer of all utopias. No one - or only a few hard-boiled people - still believe in great digital redemption today. The great technology hype is over. We are again turning our attention to the humane questions: What is man? https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona




3. Bazon Brock - Aesthetics and cultural mediation, University of Wuppertal. Brock holds sober, Peter Weibel, and Matthias Horx. Optimists are simpler and everything will stay as it was. "Nothing will change at all. But: disappointment means at least enlightenment. Really is only what we have no influence on." Die Welt 30.03.20 - "The euphoria of the visionaries is great:" After Corona, the world will never be what it was before! "What a mistake, but obviously an obvious one. The digitally intoxicated into the future seers, led by Peter Weibel at the NZZ, believe that “one lesson of the virus is to use violence and power to push us into the digital age." https://bazonbrock.de/werke/detail/?id=3831&sectid=3499#sect

4. John Schellnhuber, founder, and director of the Potsdam Institute for Climate Impact Research The physicist and mathematician favors a double strategy for the corona crisis “it also has lessons for global climate protection”. After the corona pandemic, the climate collapse is due to global warming. This accelerates development, which “should collapse the livelihood of billions of people,” said John Schellnhuber drastically. However, he sees "the opportunity to redesign modernity and even better it." The climate researcher warns: "In the Anthropocene, humanity has become too powerful - against itself and against creation."

Seuche im Anthropozän: die Lehren der Corona Krise

5. Martin Tauss, Furche editor: "Corona: Does nature strike back?" Back to the possible origin of the corona epidemic on the animal market in Wuhan: "Researchers see a 'warning shot' in the corona crisis. Because the risk of epidemics depends on how people treat animals and ecosystems, ”says the editor of the Austrian weekly newspaper. He recognizes the danger of zoonoses: “More than 70 percent of all infectious diseases come from pathogens that have been transmitted from animals to humans. These zoonoses increased significantly in the second half of the 20th century ”.

In turbo-capitalism, we treat nature economically and profitably instead of ecologically and carefully: Humans presumably destroy their ecosystem. "It is quite possible that a young science will get a massive boost in the wake of the Corona crisis:" One Health "examines how human health is related to the health of entire ecosystems. "The separation of health and environmental policy is a dangerous illusion," quotes Martin Taus, the US health researcher Aaron Bernstein: "Our health depends on the climate and the other organisms with which we share this planet." (Guardian). https://www.furche.at/wissen/corona-schlaegt-die-natur-zurueck-2589755


Let's end this colorful collage with two quotes as black bars:

  The writer Friedrich Dürrenmatt sums up: "The world is a gas station where smoking is not prohibited." The Protestant theologian Helmut Thielicke states: "Man is not able to do what he has."



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